Es ist ein Uhr früh, in der Ferne hört man laut einen Güterzug tröten. Wenns schon keine Öffis gibt, dann wenigstens laute, langsame, lange Güterzüge.
Beim Morgenbriefing werde ich der ganzen Volunteer-Gruppe vorgestellt. Zahlreiche hiesige Volunteers sind unendlich dankbar, dass ich da bin, manche bedanken sich mit Tränen in den Augen, weil es ihnen so viel bedeutet. Das ist mir fast schon ein wenig zu viel.
Die Gruppen im Auto werden völlig neu zusammengewürfelt, heute bin ich mit David (Florida), Mary (Seattle) und Ru (Großbritannien) unterwegs, wir bilden das Auto Nummer 19.
Der zweite Tag verläuft gänzlich anders, keine heruntergekommenen kleinen Häuschen, sondern Middleclass Homes mit großen, gepflegten Vorgärten. Darin wohnen einige bekennende Demokrat:innen, die uns anfeuern.
Das beste Erlebnis haben wir beim Mittagessen. Wir kehren in Ermangelung von Alternativen in einem Beisl ein, das nach außen laut „TRUMP!!“ zu schreien scheint. Drin sitzen Leute mit Trump-Shirts, Spielautomaten, eine Country-Band (ohne Schmäh! Sonntagmittag am Land in Pennsylvania, quasi Frühschoppen…), Motorrad-Rocker, Veteranen, Drangler … das ganze Programm. Wir sagen uns: „no politics“, also nicht über Politik reden, Köpfe einziehen, nicht als Wahlkämpfer:innen für für Harris/Dems zu erkennen geben.
Dann kommt die Wirtin an den Tisch und verwickelt uns in ein Gespräch. Beschwert sich über die Bürokratie, weil irgendwer irgendeinen Zettel nicht unterschrieben hat, hat sie daher keinen Alkohol bei der Halloweenparty ausschenken können. Der Wirt sitzt währenddessen zwischen den Spielautomaten beim Computer und kommentiert zynisch-sarkastisch das Gespräch. Wo wir herkommen? Aha, interessant, nicht aus der Gegend? Aha, interessant, auch ein Österreicher dabei, oho, na sowas! Uns rinnt der Schweiß den Rücken hinunter. Vor allem, weil David und ich unser Essen bei der Bestellung kompliziert veganisieren. Wie bitte, Nachos ohne Käse? Das das löst normalerweise den Gutmensch-Alarm in der Fritteuse-Station aus.
Und dann: Die Kolleg:in entdeckt am Frauen-WC eine Info für Frauen, die belästigt werden (vergleichbar mit Luisa ist hier). Die Wirtin sagt, sie sei eigentlich hauptberuflich Geografielehrerin und setzt auf die Weltoffenheit ihrer Schüler:innen und hat auch eine Transperson als Servicekraft angestellt. Wir schauen uns gegenseitig an, nehmen unseren Mut zusammen und sagen ihr, wer wir sind und was wir machen. Thank God you are here and thank you for your work!, bricht es aus ihr heraus und sie gibt sich ebenso als überzeugte Demokratin zu erkennen. Unsere käselosen Nachos schmecken plötzlich viel besser.
Grundsätzlich zeigt sich in diesem Gespräch eine besorgniserregende Entwicklung: Demokrat:innen trauen sich nicht aus der Deckung. Trump und die Republikaner:innen schüchtern erfolgreich die Gegenseite ein.
In manchen Neighbourhoods trauen sich Dems nicht mehr, Plakate auf dem Rasen aufzustellen, um nicht angefeindet zu werden oder sie wollen sich den Ärger ersparen. Dave, ein gestandener, kräftiger, selbstbewusster weißer Demokrat der oberen Mittelklasse, der kein Problem hat, sich uns gegenüber zu deklarieren (I hate Trump, my whole family hates Trump, we all vote democratic), stellt im Gegensatz zu 2020 diesmal keine Schilder mehr auf, weil er den Vandalismus und die Schäden satt hat.
Besonders betroffen macht uns auch das Schicksal von Christie, die extra ihr Auto anhält, um mit uns zu reden: In der ganzen Nachbarschaft nur Trump-Schilder, weil sich die Leute nicht trauen, Harris-Schilder im Vorgarten aufzustellen. Mit den Bullies will sich halt keiner anlegen. Diese Stimmung ist derart aggressiv, dass sie sich selbst mit Freundinnen nicht mehr über Politik austauschen will, dabei ist gerade das Thema Frauengesundheit / Reproductive Rights massiv in Gefahr. Abtreibungsverbote selbst bei Vergewaltigung und Inzest könnten bald schon die Regel sein.
Unter Tränen erzählt sie von ihrer eigenen Abtreibung vor zwanzig Jahren und dem Druck, unter dem sie gestanden war. Selbstkritisch muss ich anmerken: Aus mitteleuropäischer, männlicher Perspektive tut man sich manchmal schwer, das Thema in seiner Komplexität und Tragweite zu erfassen. An diesem Tag in einem Suburb in Pennsylvania wird mir plötzlich klar, was auf dem Spiel steht.