Tag 3 (28.10.2024): Be bold / These rules are insane

Neues Auto, neues Team. Ich bin mit Fahrerin Tara, Renee und Linda im Auto. Drei Power-Frauen voller Humor, Herzlichkeit und Motivation. Tara ist Website-Designerin für NGOs, Renee ist Juristin im Gesundheitswesen und Linda ist Pensionistin. Tara und ich bilden ein Team, auf zur ersten Türe, wir suchen einen älteren Herrn.

Nicht aber er öffnet, sondern eine junge schwarze Frau. Wir geben uns nicht als Demokrat:innen zu erkennen, weil wir erst herausfinden wollen, in welche Richtung sie tendiert. Die junge Frau ist unsicher, vermutlich denkt sie, wir sind für Trump unterwegs und wimmelt uns ab. Unzufrieden stehen wir herum. Renee kommt daher und fragt, warum wir so verzagt dreinschauen, und wir klagen unser Leid, dass wir weggeschickt wurden und wir vielleicht zu defensiv waren. Renee: „Be bold and tell them you are with the Dems and ask them if they vote for Kamala! Don’t be shy!“

Die Frau, die uns eben noch abgewimmelt hat, dürfte das gehört haben, kommt aus dem Haus, gibt sich als Demokratin und Fan von Harris zu erkennen und fragt, wie ihr Vater am besten wählen kann – er möchte Kamala zur Präsidentin wählen. Wir erklären ihr Early Voting und sie meint: „I’ll take my father down to the polling station right now!“ Yes!!

So geht es im Großen und Ganzen weiter. Es ist ein Montag, viele Leute sind nicht daheim, meistens sind es die älteren. Viele überzeugte Dems, die schon gewählt haben oder sicher wählen gehen. All diese Info kommt in die App „MiniVan“, wo die Wähler:innen gespeichert sind. Damit weiß die Partei, wessen Stimme sie fix haben und wen sie noch gezielt kontaktieren müssen.

Es ist auch der erste Tag, an dem ich ein paar Türen und Gespräche ganz alleine führe, nämlich in einem Apartment Building für alte Menschen, einige davon sind Feuer und Flamme für Kamala: „…and if I have to crawl down to the polling station – I will go there and vote!“ Ein Apartment Building suchen wir umsonst: Wo es laut App sein sollte, ist einfach nur ein Riesenparkplatz und Einkaufszentrum.

Beim Abendessen und danach im Hotel diskutieren wir wie immer über die Wahlen. Ich packe mein Leben nicht mehr, als mir meine neuen Politnerd-Friends Matt 1, Matt 2, John und Hayden erklären, dass die Regeln für die Wahlen 1.) in jedem Staat anders sind (OK, das ist wenig überraschend), 2.) in Pennsylvania (und vielen anderen Staaten) von irgendwelchen gewählten (also nicht mit Beamt:innen/Expert:innen besetzten) low-level Committees festgelegt werden, daher dauernd angefochten und dann von (oft wiederum gewählten und daher oft nicht qualifizierten) Richter:innen entschieden werden und 3.) von County (Bezirk) zu County unterschiedlich sind, manchmal sogar von Sprengel zu Sprengel.

Ein administrativer Albtraum. Jede Gemeinde, jeder Bezirk, jede Ebene hat ihre eigenen Regeln für Abgabe und Auszählung der Stimmen, festgelegt von Boards of Elections auf niedriger Ebene. Nicht mal die Maschinen, mit denen die Stimmen gescannt werden, sind gleich: Jedes County kann ein eigenes System und einen eigenen Anbieter festlegen. Klarerweise bietet das jede Menge Potential für juristische Streitereien.

Die Zusammenfassung von John: „We’re playing a complicated political game and have not even agreed on the rules – it’s a little insane.“ Als passioniertes Mitglied von Sprengel- und Bezirkswahlbehörden, die die zentral gesetzlich vorgegebene Wahlordnung auf Punkt und Beistrich zu vollziehen hat, kann ich mich nur am Kopf kratzen. Demo-crazy (it‘s messy).

Und nicht nur das. Es gibt auch das „Ballot Curing“ oder „Ballot Healing“, also wenn jemand per Post eine ungültige Stimme eingesendet hat, etwa weil die Unterschrift nicht mit der gespeicherten Unterschrift zusammenpasst. Dann beginnt das große Hinterherlaufen, zahlreiche Aktivist:innen hängen dann in den Leitungen und versuchen die Leute zu erreichen, damit sie in den Tagen nach der Wahl (!) herbeieilen und ihre Stimme nochmals abgeben – weil die erste ja nicht zählt. Aus österreichischer Sicht: Des is a Wahnsinn, undenkbar!

Derzeit passiert das schon, weil es zu Zwischenfällen kam, etwa in Washington State, dort hat jemand eine Ballot Box (Postkasten für Briefwahlkuverts) abgefackelt. Die Democrats (und Common Power) rennen jetzt wie verrückt, um die Leute durchzutelefonieren, die in dieses Postkastl ihre Stimme geschmissen haben (beziehungsweise geschmissen haben könnten – weiß man ja nicht, nachdem diese verbrannt sind). Auch das: aus Österreich-Perspektive a Gwirks, tät‘ uns nie passieren!

Ein anderer Zwischenfall ereignete sich in meinem ersten Einsatzgebiet: Dort hat die Wahlkommission den Namen des republikanischen Kandidaten falsch geschrieben – 6.000 Briefwahlkarten mussten neu verschickt werden. Die bereits zurückgesendeten Wahlkarten sind ungültig, die Leute müssen die zweite, gültige Wahlkarte nochmals abschicken. Als leidgeprüfter Österreicher denk ich mir: Troubles mit Wahlkarten? Happens to the best. 

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