Tag 4 (29.10.2024): Allein da draußen (großteils) / Streets of Pennsylvania

Kim hat seit vier Tagen nichts gegessen, als sie die Türe öffnet und ich vor ihr stehe. Ich bin in Pennsylvania unterwegs, gehe von Tür zu Tür, klopfe und versuche die Menschen dazu zu bringen, für Kamala Harris und andere demokratische Kandidat:innen zu stimmen. Es ist der vierte Tag meines Einsatzes, der erste Tag, an dem ich großteils allein von Tür zu Tür gehe. Ich klopfe an fremde Türen von fremden Menschen in einem fremden Land mit einem fremden politischen System und mein Herz klopft auch. Drei Tage Routine hin oder her, die Aufregung bleibt. 

Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich tatsächlich in jenem heiß umkämpften Pennsylvania herumlaufe, einem jener Swing States, die entscheiden, ob Harris oder Trump Präsident:in wird. Ich frage mich, ob das wirklich passiert, oder ob ich vielleicht verrückt bin. Ist es tatsächlich verrückt, in einem fremden Land im Wahlkampf mitzumischen, der einen scheinbar gar nichts angeht?

Wenn das verrückt ist, dann bin ich es, denn als Kim die Türe Richtung Straße voller Müll, Autos und Halloween-Dekoration in Pennsylvania öffnet, stehe ich mit meinem Infomaterial (literature – „lit“) da. Ob sie einen Voting Plan hat, also schon weiß, wann sie wählen geht. Nein, sie geht nicht wählen, because the political system is fucked and the economy doesn’t work for me. Sie ist etwa 50 Jahre alt, sagt, sie hat eine Behinderung durch chronische Schmerzen und kann daher nicht arbeiten. Geld hat sie keines, die Unterstützung und Food Stamps reichen kaum zum Leben.

Daher also seit vier Tagen Hunger. Ich muss schlucken. Vor mir steht eine, für die es, wenn alle Stricke reißen, nur ein sehr löchriges Netz über dem harten Boden gibt und die dann hart auf dem Boden aufklatscht. Sie fühlt sich nicht vertreten, Politiker:innen lassen sich in dieser Straße voller kaputter Häuser, wenn überhaupt, nur kurz vor den Wahlen blicken.

Ich verspreche ihr, dafür zu sorgen, dass ihr Vertreter Matt Cartwright im Kongress, ein Verfechter von sozialer Sicherheit, davon erfährt und biete Lit an, wenn sie sich über die demokratischen Kandidat:innen informieren will, schließlich wird auf allen Ebenen gewählt. Will sie nicht, because that stuff has been trashing her mailbox for weeks.

Ich lasse ihr die Nummer der Wähler-Hotline da, falls sie doch noch wählen will. Immerhin die nimmt sie gern – yay, die Chance auf eine Stimme für die Dems ist grad gestiegen. Wir verabschieden uns höflich, fast herzlich voneinander. Trotz aller Schwierigkeiten ist sie ein freundlicher, humorvoller Mensch. Ganz anders als in Österreich in vergleichbaren Situationen sind die Menschen hier einfach freundlich.

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