Tag 7 (1.11.2024): Arab Americans / Kip, der Non-stop-Canvasser

Der 1. November ist Anreisetag, an dem die anderen Volunteers aus allen Ecken der USA anreisen (die meisten kommen aus Seattle, aber ich treffe auch Leute aus LA, San Francisco, Connecticut…) und da ich schon in Detroit bin, habe ich Zeit, mich noch inhaltlich vorzubereiten. Also besuche ich das Arab American National Museum, denn Detroit hat die größte muslimische Bevölkerungsgruppe der USA. 

Im Museum lerne ich nicht nur, dass die ersten Arab Immigrants nicht Muslim:innen, sondern Christ:innen aus dem Libanon, Syrien und weiten Teilen des Osmanischen Reiches waren. Bis heute gibt es chaldäische, aramäische und andere christliche Gruppen, die im 19. Jahrhundert der Verfolgung oder der Armut entflohen. Erst nach 1948 (Gründung von Israel) stieg die Zuwanderung von muslimischen Araber:innen stark an. 

Was auffällt: Die Geschichte der jüdischen Einwander:innen aus arabischen Staaten spielt keine Rolle. In praktisch allen arabischen Ländern gab es bis 1948 eine jüdische Bevölkerung, die nach der Staatsgründung Israels fliehen musste. Nicht nur diese Aussparung lässt mich am Museum zweifeln. Auf einer Ausstellungswand zu arabischem Aktivismus wird kontextlos ein Button mit „Long Live Intifada“ ausgestellt. Mein Magen dreht sich um, als ich beim Hinausgehen eine „Zeitung“ entdecke, in der das Massaker vom 7. Oktober 2024 glorifiziert wird. Ich schreibe ein Mail an den Kurator des Museums und bin gespannt auf seine Antwort.*

Ich beziehe das Hotel in Warren, einem Vorort von Detroit. Weit nördlich von jener 8 Mile Road, die einst weiße von schwarzen Wohngebieten trennte und durch den Film mit Eminem bekannt wurde. Im Hotel erwartet mich schon Team-Leaderin Mary, die ich aus Pennsylvania kenne. Ich lerne auch Kip aus Seattle kennen, der gerade in die Pension gleitet und seine Freizeit nutzt, um für die Demokrat:innen zu canvassen. Er ist mit dem Auto quer durch die ganzen Staaten in einem viertägigen Trip aus Washington State an der Westküste angereist, wohnt bei Bekannten und canvasst praktisch ohne Unterbrechung seit Mitte September, also seit beinahe 1,5 Monaten. Bisher dachte ich, mein level of dedication und mein Einsatz sei überdurchschnittlich, nun werde ich auf meinen Platz verwiesen. 

Mit Non-Stop-Canvasser Kip gehe (fahre! hier in den Vororten von Detroit kann man nirgends hingehen, man fährt!) ich einen jemenitischen Kaffee trinken, auch eine große Community aus dem Jemen lebt hier. Beim Abendessen im mediterranen Lokal mit Hummus, Falafel und Couscous verfestigt sich mein Eindruck, dass der gesamte Nahe Osten, Nordafrika und das östliche Mittelmeer hier versammelt ist.

*mittlerweile habe ich eine Antwort bekommen. Die Zeitungen wurden entfernt.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Entdecke mehr von Thomas Schobesberger

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen