Tag 8 (2.11.2024): Heilige Maria, Mutter Gottes / Elissa Slotkin for Senate

Meine Erwartung, ab jetzt vor allem mit muslimischen Wähler:innen zu tun zu haben, wird am ersten Tag canvassing in Warren schnell korrigiert. Vor allem die vielen Statuten von Mutter Maria in den Vorgärten mit den kurzgemähten Rasen ohne Lebenszeichen machen schnell klar, dass wir hier in einer klassischen christlich/katholischen, bürgerlichen Gegend gelandet sind. Trotzdem scheint Diversität hier eine große Rolle zu spielen, die Straßen sind nach Gewürzen benannt: Curry Drive, Coriander Lane, Cardamom Street und die Leute die Türen der bürgerlichen Häuser öffnen, haben augenscheinlich diverse Hintergründe. So habe ich mir die Suburbs des als Ruinenstadt verschrienen Detroits jedenfalls nicht vorgestellt. 

Bei den religiösen Wähler:innen werden wir durch Erfahrung klüger. Bei einem aufwändig religiös-traditionell geschmückten Haus anklopfen und mit dem Thema Abtreibung / Women’s Reproductive Rights sprichwörtlich ins Haus fallen? Mother Mary, speaking words of wisdom: Let it be. 

Es stellt sich nun die Frage: Wenn alles so bürgerlich erscheint, müsste das eigentlich ein Heimspiel für Demokrat:innen sein? Früher galt: Wer ärmer, weniger gebildet und working class ist, wählt Democrats. Wer reich, gebildet und Upper Class ist, wählt Republicans. Aber wie überall haben sich die Dinge verschoben, die Arbeiterschicht ist den Dems weitgehend verloren gegangen, die Trennlinie vollzieht sich jetzt stärker anhand von Bildung: hoher Bildungsabschluss wählt tendenziell demokratisch. Niedriger oder kein Abschluss wählt Trump. 

Wie so oft sind die Wähler:innen auf unserer Liste jung und weiblich, aber die Türe öffnet meist die Spezies älter und männlich. Das macht die Diskussion schwierig, weil wir nicht einfach sagen können: „Hi, wir suchen Ihre Tochter, die ist laut unserer Liste registrierte Demokratin! Sie als Ihr möglicherweise konservativer Vater und eventuell Trump-Fan, könnten Sie ihr bitte ausrichten, dass sie wählen gehen soll – danke!“ Diese wichtigen Wähler:innen markieren wir in unserer App als „not home/nicht erreicht“, damit die Dems sie dann nochmal anders gezielt (meist per Telefon/SMS) kontaktieren und mobilisieren können.

Am Nachmittag erleben wir dann ein Kampagnen-Highlight: Wieder eine Rally (zur ersten Rally siehe hier)! Diesmal für und mit Senats-Kandidatin Elissa Slotkin, inklusive Großaufgebot im Kampagnenbus: Der ehemalige Governor ist da, Slotkins Vorgängerin Stabenow ist da, der Kandidat für das House (Carl Marlinga) ist da. Slotkin ist eine spannende Kandidatin mit einem ungewöhnlichen Profil: Aufgewachsen auf der Farm ihrer Familie in Michigan, unter George W. Bush und Barack Obama im Irak für die CIA tätig, profilierte Kämpferin gegen die Einschränkung von Frauenrechten während der Trump-Präsidentschaft, Kämpferin für das Gratismittagessen für alle Schulkinder in Michigan. Man könnte sagen: sozialpolitisch links, sicherheitspolitisch eher konservativ. Mit ihrer ländlichen Herkunft, der unternehmerischen Geschichte ihrer Familie (ihr Großvater hat ein bei Baseballspielen beliebtes Wursterzeugnis kreiert) spricht sie auch konservative Schichten an und hat gute Chancen, ihren republikanischen Gegner Mike Rogers zu schlagen. Sie freut sich sehr, als ich als wahlkämpfender Österreicher vorgestellt werde. Ich merke schon, es ist nicht alltäglich, dass so ein bunter Hund im Wahlkampf auftaucht.

Außerdem kampagnisieren wir auch für zwei demokratische Richterinnen (Justices), Kyra Harris Bolden und Kimberly Ann Thomas  für den Michigan Supreme Court, die das Recht auf Abtreibung in Michigan verteidigen sollen. Der Gedanke, Richter:innen zu wählen erscheint uns fremd, aber in vielen US-Staaten werden sogar Bezirksrichter:innen gewählt oder sogar die Verwaltung der Schule, Bibliothek oder Universität, oder es werden am Wahltag auch Referenden abgehalten über Fragen wie „Soll der Bundesstaat/der Bezirk/die Stadt ein Darlehen von 10 Mrd $ für die Sanierung von Schulgebäuden und Entfernung von Bleirohren aufnehmen?“. Demokratie in manchen Staaten verlangt viel von den Wähler:innen. 

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