Tag 10 (4.11.2024): Reiche Suburbs, arme Suburbs / „haven’t decided yet“

Heute sind wir erst in einem typischen Suburb unterwegs. Kleine, gut in Stand gehaltene Häuser unter hohen Bäumen mit bunten Blättern, die vom Wind über den kurzgemähten Rasen und die breite Straße verteilt werden. Säcke voller Laub am Straßenrand. Eine Frau, wieder eine Kim (hier das Erlebnis mit einer anderen Kim), verscheucht uns verärgert mit wenig freundlichen Worten. Auf einer benachbarten Raum-Zeit-Achse passiert derweil Folgendes: Eine Nachbarin geht mit dem Hund unter den bunten Laubbäumen und ihren bunten Blättern auf der unter Bäumen und Blättern liegenden Straße spazieren, links und rechts von ihr ist viel Platz. Der Hund scheißt auf die Straße, von allen möglichen Punkten auf dieser fast unendlichen Weite sucht er sich auf der Raum-Zeit-Achse genau diesen einen Punkt aus. Ich bin noch mit der Canvassing-App beschäftigt, um eine Notiz zu Kim (siehe oben) zu verfassen und entgegen aller Wahrscheinlichkeiten biegt sich meine persönliche Raum-Zeit-Achse und kreuzt sich mit jener von Hund und Nachbarin, sodass ich auf dieser ausgedehnten Fläche in die Hundescheiße steige. Hoffentlich hat die ungehaltene Kim die Szene von ihrer Türe aus beobachtet, damit zumindest sie ihren Spaß hat. Ich habe sie jedenfalls im Verdacht.

Nach der Hundescheißestraße sind wir in deutlich ärmeren Gegenden unterwegs. Heruntergekommene Häuser, kaputte Autos, ungepflegte Gärten. Früher vermutlich Kernwähler:innen der Dems, wenn sie überhaupt wählen gegangen sind. Viele schwarze Wähler:innen. Es häufen sich die Zahl der Leute, die bereits gewählt haben. Ein Haus scheint seit Jahren unbewohnt, durchs Fenster sehe ich Gerümpel, klopfe an und erwarte nicht, dass jemand öffnet. Umso mehr erschrecke ich, als plötzlich ein kleiner Bub am Fenster erscheint und ein Zwei-Meter-Mann mit Glatze und Fritz-Engels-Bart die Tür öffnet. Er stellt sich als unzufriedener, aber treuer demokratischer Stammwähler heraus. Ich höre geduldig seinen Beschwerden über seiner Meinung nach ungesetzliche Wahllokale mit religiösen Symbolen an und verspreche, seine Anliegen weiterzugeben. 

Eine ältere Frau, die nicht auf meiner Liste ist, öffnet mir die nächste Tür. Zwei hüfthohe, graue Kuschelwauzis (vermutlich AmStaffs) springen derweil am Fenster auf und ab und bellen ohrenbetäubend.

Ob sie schon einen Plan hat, wo und wann sie morgen wählen geht? Sure, I got a plan.

Ob ich ihr die Wahlinfo der Demokraten geben kann? Sure you can!

Ob sie schon weiß, wen sie morgen wählen wird? Nope, haven’t decided yet.

Na dann! Ist ja immerhin noch ein ganzer Tag Zeit, um die die schwierige Entscheidung zwischen Faschismus und Demokratie zu treffen (denke ich mir, sage ich aber nicht).

Ich bedanke mich und wünsche alles Gute. Nicht nur ihr, viel mehr uns allen. Bei Einbruch der Dunkelheit beenden wir unseren Einsatz. In manchen Gegenden (eigentlich den meisten) werden Unbekannte, die an Türen klopfen, nicht gern gesehen. So geht der vorletzte Tag, der Tag vor der Wahl, zu Ende.

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