Als ich des nächsten Morgens aus unruhigen Träumen erwache, finde ich die Welt in einen ungeheuren Unort verwandelt. Trump hat die Wahl gewonnen, und zwar eindeutiger als wir das je befürchtet haben. Nicht nur das, auch dass der Senat an die Republikaner fällt, ist bald klar. Besonders schmerzhaft: Auch das Rennen um den Popular Vote, also die Mehrheit der bundesweit abgegebenen Stimmen, geht für Trump aus. Was für eine Niederlage, was für ein Desaster.
Aber es wäre nicht der Spirit und das Leadership von Common Power, wenn in dem Gefühl der Niedergeschlagenheit, der Enttäuschung und Verletzung nicht auf der Kampfgeist lodern würde. Sofort werden in einigen Staaten wieder Aktionen organisiert, um noch ballot curing (Erklärung dazu gibt es hier) zu organisieren, um die offenen Rennen für die Dems zu entscheiden.
Wir versammeln uns in der Lobby des Hotels, reflektieren und sehen: Wir haben einen Unterschied gemacht. Dort, wo wir aktiv waren, haben Harris und die Dems deutlich weniger verloren. Außerdem: Slotkin hat denkbar knapp, aber doch das Rennen um den Senatssitz gewonnen! Und die Richterinnen Kyra Harris Bolden und Kymberly Anne Thomas wurden ebenso gewählt. Die Dems haben im Michigan Supreme Court damit mit fünf zu zwei erstmals eine Mehrheit! Sie können damit Angriffe auf das Selbstbestimmungsrecht von Frauen über ihren Körper abwehren. Außerdem historisch: Erstmals eine schwarze Frau als Richterin an diesem Gerichtshof! Es war also nicht vergebens.
Aber klar ist: Es werden für das liberale Amerika harte Jahre. Zum Glück stehen bereits in zwei Jahren schon die Midterms (Wahlen zum Senat und House) an und Common Power plant bereits die nächsten Einsätze.
Ich hingegen nehme mich vorerst raus, fahre noch mit Dauer-Canvasser Kip aus Washington und Sam aus Kalifornien ins Detroit Institute of Arts, um ein bekanntes Wandgemälde über die Autoindustrie und Stücke der Wiener Werkstätte und Picasso anzuschauen. Es fühlt sich alles falsch an. Ein warmer sonniger Tag im November, wir laufen zwischen Kunstwerken herum, und ich fühle etwas wie Trauer oder Trennungsschmerz, ein dunkles, schweres Gefühl im Brustkorb. Wie singt Fendrich in einem anderen Zusammenhang: Es tuat so weh, wenn ma verliert. Ich will nur noch weg von diesem Ort, an dem ich mich jetzt völlig fehl am Platz fühle.
Ich bin daher froh, als ich am Nachmittag abermals in einen scheppernden, lauten Greyhound-Bus steige und nach New York aufbreche. Diesmal ohne besondere Vorkommnisse und Zwischenfälle (abgesehen von den Pausen, in denen man den Bus für eine Stunde verlassen muss und in der Wartehalle herumsteht, selbst mitten in der Nacht).
Meine amerikanischen Freund:innen finden das wiedermal äußerst unterhaltsam. Da fliegt er extra acht Stunden über den Atlantik, aber statt zwei Stunden Flug zwischen Detroit und NYC nimmt er 15 Stunden den Bus? That’s not very American. OK, damit kann ich leben.